Logbuch 26

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Logbuch 26

von Henning Schüler

7:30h Morgens zu Hause in Bielefeld

Mit fahrigen Handbewegungen versuche ich den Schlaf aus meinen vor Müdigkeit geröteten Augen zu reiben, die sich geblendet von der Morgenröte nur wiederstrebend öffnen. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, den nächsten Mittwoch nicht wieder bis spät in die Nacht bei dem ein oder anderen Glas Rotwein zu Pokern. Nichtsdestotrotz muss ich mich fertig machen um in die Uni zu fahren und der lieblichen Stimme meines Professors zu lauschen, der mir etwas zu Enterotoxinen und Neurotoxinen erklären will. Nach dem allmorgendlichen Hygieneprozedere nehme ich mir noch die Zeit, mir ein Himbeerbrot zu schmieren, welches ich auf dem Weg zur S-Bahn hinunterschlinge.

8:00h S-Bahnhaltestelle Hauptbahnhof

Wie jeden Morgen steige ich in die hoffnungslos überfüllte Linie 4, die mich sicher zur Uni bringen soll. Die Fahrzeit versuche ich mir durch die Lektüre meines Spiegels zu verkürzen. Besonders der Artikel über den Marktprotektionismus der ehemaligen kommunistischen Staaten erregt meine Aufmerksamkeit.

8:12h S-Bahnhaltestelle Universität

Wir fahren in die Haltestelle ein und augenblicklich füllen sich die Treppe sowie der Spacetunnel der Station mit den Menschenmassen, die aus der Bahn herrausquillen.
Schließlich erreiche ich noch halbwegs pünktlich meinen Kurs.

11:50h in der Uni-Mensa

Ich geselle mich in die Schlange der Hungrigen für Menu 1 und warte  darauf, das dass Förderband frittierten Lachs an Paprikagemüse und Reis sowie Kirschkompott scheinbar aus dem Nichts nach oben befördert.

12:20h Uni-Halle

Kurz nachdem ich die letzten Bissen heruntergeschluckt habe, befinde ich mich schon wieder unter Zeitdruck auf dem Weg zur nächsten Veranstaltung. Mein Ziel: Das Chemie Labor. Meine Mission: die Synthese von beta-Carotin. Mein Assistent und seine Marotten. Es wäre doch so viel einfacher gewesen den Stoff einfach aus Karotten mit Hilfe des Rotationsverdampfers zu gewinnen. Naja, er ist der Boss. Hoffentlich wird das Protokoll nur nicht zu schwer.

19h Wieder zu Hause

Erschöpft lasse ich mich auf das Sofa mit dem Rosenmuster sinken. Eigentlich bin ich noch auf den Weihnachtsmarkt am Rotarystand mit ein paar Kommilitonen zum Glühwein trinken verabredet. Doch das sage ich ab. Was für ein Tag! Das halte ich nicht noch mal durch! Morgen mache ich lieber blau!

 
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Magenk(r)ämpfe

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Magenk(r)ämpfe

von Annika Pott

Hunger machte sich in meinem Magen breit, als würde er schreien… „Lass mich hier raus“.
Natürlich hörte ich auf ihn, wollte mir ja schließlich nicht den Rest des Tages von ihm vermiesen lassen. Statt des Hungers sollen das lieber andere tun. An der Uni ist da ja immer drauf Verlass…

Kaum verlassen konnte ich mich dagegen auf die Auswahl der heutigen Menüs im Glaskasten. Das Aussehen von Bäuerinnensuppe, plattem Schnitzel in brauner Soße oder grizzeligem Vanillepudding konnte einem so einiges verderben. Naja, zum Glück sind es ja immer nur innere Werte, die für mich und vor allem für meinen Magen zählen. Trotzdem entschied ich mich für die Variante, in der ich mein Schicksal selbst bestimmen konnte. Die Salatbar.

Dort angekommen bewaffnete ich mich mit einem weiß-beigen Tablett als einzigen Schutzschild. Denn, gefühlte 18Tausend Menschen, die gleichzeitig mit einem auf Salatjagd sind, schienen das zwingend nötig zu machen.

Ich reihte mich also ein zwischen verschwitze Körper in Wintermänteln, mit Rucksack und oder Laptoptasche. Und träumte so vor mich… und nebenan ratterten die roten Förderbänder verlässlich vorbei.

Aber, es blieb keine Zeit für Momentaufnahmen. Denn als jemand, der schon mehrere Semester an dieser Uni verbracht hat, wusste ich Bescheid. Jetzt bloß nicht zu langsam sein und keinen Fehler machen.

Es gilt: Lieber mehr Grünzeug nehmen, dagegen keine Tomaten – die sind zu nämlich schwer und Gewicht ist Geld. Viel lieber noch ein paar Pilze, dafür keinen Kartoffelsalat – (flüstern) da ist nämlich Mayonnaise drin… zu schwer. Stattdessen noch n bisschen rote Beete. Und da ist ja quasi die Soße schon mit dabei und ich kann mir das Dressing sparen.
Schnurstracks war also mein Mahl für heute zusammengestellt. Und ich konnte mit meiner rosa Salatsoße, die von links nach rechts schwappte, von den eifrig nachrückenden Wintermänteln zur Kasse geschoben werden. Vielen Dank!

Hier angekommen blickte ich auf eine in weiß gehüllte, mürrisch gelaunte Person, die weder die Mundwinkel heben noch das kleinste Zeichen einer Reaktion erkennen lassen konnte. Es ist nie leicht der Person in weiß ein Lächeln auf ihr sonst so lethargisches Gesicht zu zaubern. Aber als Kampferprobte Studentin versuchte ich es trotzdem.

Darauf bedacht möglichst wenig Stau hinter mir und unter den hungergereizten Wintermänteln zu verursachen, schob ich meine Mensakarte ins Lesegerät. Lächelte und wünschte einen Guten Tag.
Mist. Ich hatte zu wenig Guthaben! Na, da hätt ich auch dran denken können. Also lächelte ich noch mal, peinlich berührt und entschuldige mich höflich. Entnervtes Stöhnen in meinem Rücken.

Und mit hochrotem winterjackenbedingtem Gesicht wühlte ich noch schnell nach etwas Geld aus meiner Tasche, bezahlte und dann ab in irgendeine freie Ecke! Und Guten Appetit!
Und während ich noch so da saß und aß, dachte ich mir. Koste es was es wolle! Hauptsache es ist nicht zu teuer.

 
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von rot erlöst

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von rot erlöst

von Sabrina Pape
Sprecher: Sabrina Pape, Christiane Pape

Sabrina: [Telefon klingelt] „Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichte, Philosophie und Theologie, Abteilung Theologie, Sabrina Pape, wissenschaftliche Hilfskraft. Hallo?“
Glücklich, vorschriftsmäßig alle nötigen Angaben gemacht  und mein erstes Telefonat ohne Versprecher entgegen genommen zu haben, erfahre ich nun von meinem Gegenüber, dass dieser eigentlich mit der Firma Schmidtke sprechen wolle und nach eigener Aussage auf meinen theologischen Rat verzichten könne. Noch bevor ich auch nur irgendwie reagieren kann, ist die Verbindung unterbrochen. Etwas Schlagfertiges wäre mir vermutlich eh nicht eingefallen. Ich zwinge mich, nicht länger über die Antwort unter den Antworten zu grübeln und widme mich wieder meiner Arbeit. Die Sekunden rasen davon. Jetzt ist es schon fast 18 Uhr und noch immer ist kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht, weder rückt das Ende meiner Vorbereitungen in greifbare Nähe noch ist auch nur der kleinste Sonnenstrahl des Tages übrig geblieben.  War es heute überhaupt sonnig? Vertieft in die Überlegungen, die zwischen dem der Jahreszeit entsprechend bedrückendem Wetter der vergangenen Tage und meinen noch zu erledigenden Aufgaben wirr umherspringen, höre ich plötzlich etwas. [Brummen der Belüftung]. Nein, nicht das dumpf-sonore Brummen der Belüftungsanlage der Universität, das schon so alltäglich ist, dass ich es bewusst gar nicht mehr wahrnehme. Aber was war das? Nebenan sind Schritte zu vernehmen, das Geklappere eines Schlüsselbundes vor und nach dem Schließvorgang, das Umdrehen des Schlüssels selbst und die erwarteten Schritte, dessen hastige Abfolge Eile verheißt. Nein, auch das ist es nicht. [Stille]. Nichts zu hören, nichts – mhm –  vielleicht war es ja nur ein Geräusch, ein nichtssagendes und nichtsmeinendes Geräusch. Eines von den vielen, die immer und immer wieder in der Uni zu hören sind und von denen niemand weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen. [Rauschen] Da! Da war es plötzlich wieder! Prüfende Blicke durch  mein Büro. Nichts zu sehen. Fast war ich versucht: „Jaana, mir ist heute nicht nach Spaß zu Mute!“ zu rufen. Aber die Bürotür ist geschlossen, niemand ist hier, nur ich, ich bin allein.
Jaana: „Hallo! Hallo?“
Sabrina: „Wer spricht da? Was soll das??“
Ich bin allein. Hier kann niemand mit mir sprechen, hier gibt es nur leblose Gegenstände. Nichts, was auch nur ansatzweise ganze Sätze hervorbringen könnte!
Jaana: „Hallo?“
Jetzt ist es soweit, jetzt kommen gleich die Herren mit den weißen Westen, um mich in die hübsch gepolsterte Gummizelle zu geleiten.
Sabrina: „Wer spricht da???“
Jaana: „Hallo? Hörst du mich?“
Da, da war es wieder. Ein Gedanke geht mir durch den Kopf: du arbeitest zu viel, jetzt hörst du schon Stimmen. Fast schon flehend sage ich laut – mein Gegenüber ansprechend –  als ob diese Aussage, die Stimme zum Verstummen bringen könnte: „Ja, ok, ich nehme mir nicht mehr so viel vor, ich trete kürzer, werde Aufgaben abgeben, aber bitte keine Stimmen mehr!  Bitte!”
J.: „Hallo? Sabrina! Geh ran, du bist doch da!”
Geh ran? Wie geh  ran?  [aufgelegt]  Oh, nein, mein Handy. Keine Männer mit weißen Westen, keine Stimmen, die nicht zugegen sein können, nur eine rote Zahl, die mir sagt, dass Jaana gerade fünf Minuten am anderen Ende der Leitung darauf gewartet hat, dass ich wieder ans Telefon komme. Ach ja, Jaanas Anruf, unterbrochen  von dem  des Herrn, für den ich mir noch immer eine passende Antwort überlege…

 
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Die Angst davor

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Die Angst davor

von Juliane Otto

Sie drehte den Wasserhahn auf und lies das kühle Nass in ihre holen Hände fließen. Eiskalt und klar war es… Viel klarer als all die Gedanken, die gerade in ihrem Kopf umherwirbelten, sich überschlugen. Warum war ihr das jetzt schon wieder passiert? VERDAMMT… warum?! Es hatte doch keinen Grund gegeben. Mal wieder!

Sie neigte ihren Kopf hinab über das Waschbecken, tauchte ihr heißes Gesicht in das kalte Wasser in ihren Händen und lies es dort einige Zeit ruhen. Sie spürte, wie die unerträgliche Hitze allmählich aus ihrem Körper entwich… ihr Herzschlag wurde langsamer, beruhigte sich. Dann sah sie auf in den Spiegel.

„Du bist so peinlich!“ (leise, zischend) Einzelne Strähnen ihres dunklen Haares klebten nass auf ihrer Stirn, Maskara lief in dicken schwarzen Tropfen über ihre Wangen. „Fuck! Wie ich es hasse!!!“ …und fürchte, dachte sie und starrte weiter auf ihr Gegenüber. Ja! Das war eigentlich das Schlimmste an allem. Diese verdammte Angst davor. Ständig dieses Gefühl zu haben, es könnte jederzeit an jedem Ort, in jeder denkbar möglichen und vor allem unmöglichen Situation wieder passieren. So wie schon gefühlte hundert Male zuvor. So wie eben im Seminar.

Es war ihr Lieblingsseminar, ihr Lieblingsthema, ihr Lieblingsdozent gewesen. Sie hatte sich gemeldet, sie wusste die Antwort, es war eine wirklich gute Antwort. Also warum war ihr das passiert? Warum?

(Pause) Der Dozent hatte sie drangenommen. Und in dem Moment war es ihr durch den Kopf geschossen. Es passiert wieder! Dann war es auf einmal so still geworden, ihr Blick verschwamm, ihr Herz fing an zu rasen, Hitze stieg rasend schnell in ihr auf. (Pause)

(tief einatmen) Atmen, (Pause) reden! Sie hatte die Blicke der anderen Studenten auf ihrem ganzen Körper gespürt, wie kleine Nadeln… sie bohrten und pieksten. Es tat einfach höllisch weh! Sie hatte herausgestammelt, was sie zu sagen hatte. Sie hatte ihre eigene Stimme gehört, aber es war, als wäre sie ganz weit weg.

Ihr Herzschlag war viel lauter gewesen als ihre Stimme, alle mussten es gehört haben. Ganz sicher. Dann hatte der Dozent die Arme in die Luft gerissen und wild umhergefuchtelt: „Ja super! Wunderbar! DAS wollte ich hören! Genau DAS!“ Sie wollte schon tief durchatmen, doch dann sprach er weiter: „Aber Mädchen, hör mal. So eine tolle Antwort muss dir doch nicht peinlich sein!“ Da war es vorbei gewesen.

Ihr Herz schmiss den Turbo an. Bumbum bumbum bumbum. Gefangen in gefühlten 60 Grad in ihrem eigenen Körper. Ihre Wangen hatten gebrannt wie Feuer. Sie hatte noch wahrgenommen wie einige der Studenten den Blick betreten von ihr abwandten. DAS war zuviel, das hielt sie nicht mehr aus. Sie hatte nichts dagegen tun können…

Bevor sie begriffen hatte, was sie tat, war sie aufgesprungen und mit großen Schritten aus dem Seminarraum gerannt. Über den langen Gang, zwei Kurven nehmend, links die Treppe hinunter. (Pause)

Und hier stand sie nun…. in der Mädchentoilette der Uni und starrte leer in ihr Spiegelbild.

Die Röte würde bald aus ihrem Gesicht verschwunden sein… was wie immer bleiben würde, war die Angst davor.

 
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Philosophie

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Philosophie

von Lisa Michalk

Mmmhh… wie das duftet! Ich sitze auf der Galerie. Angestrengt, vom vielen Nachdenken, lege ich meinen Kopf auf meine Arme und schließe die Augen.
Ich kann den Geruch von meinem Apfel wahrnehmen, der halb angegessen neben mir auf dem Tisch liegt. Der Geschmack liegt mir noch auf der Zunge und ich fühle die glatte, nicht angerührte Seite in meiner Hand.
Schon wieder am Träumen… jetzt aber zurück zu meiner Hausarbeit.
Wissenschaftlich betrachtet ist Rot der Farbreiz, der wahrgenommen wird, wenn Licht mit einer spektralen Verteilung ins Auge fällt, dessen Maximum im Wellenlängenintervall oberhalb 600 nm liegt.
Klar, logisch. Komplizierter hätte sich die Wissenschaft mal wieder nicht ausdrücken können! Für mich ist rot ganz einfach die Farbe, die die stärkste Leuchtkraft besitzt und somit am meisten auffällt.
Versucht mal Rot mit allen Sinnen wahrzunehmen. Das Sehen ist relativ einfach.
Rot sieht man überall. Es kann blicke anziehen auch abstoßen. Es kommt darauf an, welchen Gegenstand diese Farbe bedeckt und welche Symbolik mit ihr in Verbindung gebracht wird.
Aber wie riecht Rot, wie schmeckt Rot, oder wie fühlt sich Rot an? Wir geben der Farbe ein Symbol, mit dem wir schon einmal durch unsere Sinne in Kontakt gekommen sind.
Stell Dir vor Du befindest Dich in einem Garten. Vor dir siehst Du eine wunderschöne, frisch erblühte, rote  Rose. Schließ deine Augen und jetzt rieche daran. Zart, süßlich, man könnte sagen: „Rot riecht nach Rosen“.
Natürlich kannst Du Rot auch essen. Kalt, süß, scharf, so wie Ketchup. Die Säulen und Geländer der Uni-Halle sind in einem satten Ketchuprot lackiert. Gerade blicke ich auf eines dieser Exemplare und bekomme Hunger.
Zurück zum Text…
Rot kommt auch oft in Sprichwörtern vor, „da sehe ich aber Rot“.
Das letzte Mal, als es mir begegnete, saß ich in einer Besprechung mit einem Dozenten, und er sagte: „Sie brauchen einen roten Faden in ihrer Hausarbeit“ Ich hatte sofort einen Film in meinem Kopf, wie ich durch meine mühsam geschriebenen 30 Seiten mit der Spitze meines Kugelschreibers mit Gewalt ein großes Loch bohre und einen knallroten, fusseligen Wollfaden durch die engen Löcher der dünnen Blätter hindurch friemele.
Oft ist es wichtig die Dinge nicht nur wissenschaftlich zu hinterfragen, sondern sie vor allem mit allen Sinnen wahrzunehmen, um sie wirklich zu verstehen.

 
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